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Week 2 material

 

GE 429: Berlin from 1900 to the Present day

Week 2: The cultural topography of Berlin 1900-1927and the experience of modernity

This week we will be tracing some of the themes and issues raised in the opening lecture and exploring the way in which these are reflected in a variety of texts (both fictional and non-fictional). You may find it helpful to read the ‘Einleitung’ to the collection of texts Die Berliner Moderne. 1885-1914, ed. Jürgen Schutte and Peter Sprengel (Stuttgart: Reclam, 1987), pp. 13-94 in advance.

It is important that everyone is familiar with ALL the texts to be covered in the seminar; they are not long; and you need to be able to take part! The questions we have suggested are issues that we would particularly like you to focus on when reading the texts; but they are not to be regarded as an exhaustive list! You may – and almost certainly will – find other issues to comment on.

Topics:

1. Transit and change: experiencing the metropolis

 

(a) Julius Hart ‘Auf der Fahrt nach Berlin’ (1885) [ = Die Berliner Moderne, pp. 249-50]

julius_hart.jpg

 

Auf der Fahrt nach Berlin

Von Westen kam ich, schwerer Heideduft
Umfloß mich noch, vor meinen Augen hoben
Sich weiße Birken in die klare Luft,
Von lauten Schwärmen Krähenvolks umstoben,
Weit weit die Heide, Hügel gelben Sands
Und binsenüberwachsne Wasserkolke,
Fern zieht ein Schäfer durch des Sonnenbrands
Braunglühendes Land verträumt mit seinem Volke.

 

Von Westen kam ich und mein Geist umspann
Weichmütig rasch entschwundne Jugendtage,
War's eine Träne die vom Aug' mir rann,
Klang's von dem Mund wie sehnsuchtsbange Klage?...
Vom Westen kam ich und mein Geist entflog
Voran und weit in dunkle Zukunftsstunden...
Wohl hub er mächtig sich, sein Flug war hoch,
Und Schlachten sah er, Drang und blut'ge Wunden.

 

Vorbei die Spiele! Durch den Nebelschwall
Des grauenden Septembermorgens jagen
Des Zuges Räder, und vom dumpfen Schall
Stöhnt, dröhnt und saust's im engen Eisenwagen...
Zerzauste Wolken, winddurchwühlter Wald
Und braune Felse schießen wirr vorüber,
Dort graut die Havel, und das Wasser schwallt,
Die Brücke, hei! dumpf braust der Zug hinüber.

 

Die Fenster auf! Dort drüben liegt Berlin!
Dampf wallt empor und Qualm, in schwarzen Schleiern
Hängt tief und steif die Wolke drüber hin,
Die bleiche Luft drückt schwer und liegt wie bleiern
Ein Flammenherd darunter - ein Vulkan,
Von Millionen Feuerbränden lodernd,...
Ein Paradies, ein süßes Kanaan -
Ein Höllenreich und Schatten bleichvermodernd.
Hin donnernd rollt der Zug, es saust die Luft!
Ein anderer rast dumpfrasselnd rasch vorüber,
Fabriken rauchgeschwärzt, weit durch den Wasserduft,
Glänzt Flamm' um Flamme, düster, trüb und trüber,
Engbrüst'ge Häuser, Fenster schmal und klein,
Bald braust es dumpf durch dunkle Brückenbogen,
Bald blitzt es unter uns wie grauer Wasserschein,
Und unter Kähnen wandeln müd die Wogen.

 

Vorbei, vorüber! und ein geller Pfiff!
Weiß fliegt der Dampf,... ein Knirschen an den Schienen!
Die Bremse stöhnt laut unter starkem Griff...
Langsamer nun! Es glänzt in allen Mienen!
Glashallen über uns und lautes Menschenwirrn,...
Halt! und "Berlin!" Hinaus aus engem Wagen!
"Berlin!" "Berlin!" Nun hoch die junge Stirn,
Ins wilde Leben laß dich mächtig tragen!

 

Berlin! Berlin! die Menge drängt und wallt,
Wirst du versinken hier in dunklen Massen?
Und über dich hinschreitend stumm und kalt,
Wird niemand deine schwache Hand erfassen?
Du suchst... du suchst die Welt in dieser Flut,
Suchst glühnde Rosen, grüne Lorbeerkronen,...
Schau dort hinaus!... Die Luft durchquillt's wie Blut.
Es brennt die Schlacht, und niemand wird dich schonen.

 

Schau dort hinaus! - Es flammt die Luft und glüht,
Horch, Geigenton zu Tanz und üpp'gem Reigen!
Schau dort hinaus, der fahle Nebel sprüht,
Aus dem Gerippe nackt herniedersteigen -
Zusammen liegt hier Tod und Lebenslust,
Und Licht und Nebel in den langen Gassen - - -

 

Nun zeuch hinab, so stolz und selbstbewusst,
Welch Spur willst du in diesen Fluten lassen?
  • who was Julius Hart? In what ways can his background be related to the themes of the poem?
  • what kind of transition(s) is/(are) being described in the poem?
  • how would you relate the poem to the development of Berlin as a modern metropolis at the end of the nineteenth-century and start of the twentieth century?

 

How would you relate the ideas and images of Hart’s poem (especially those of the second half to the following painting by Ludwig Meidner ‘Potsdamer Platz’ (1913)

  • comment on the way the metropolis is represented in stylistically
  • how does the painting contrast with the paintings by Kirchner (Potsdamer Platz and Rote Kokette) below

meidner-potsdamer-platz.jpg

 

Look at Wilhelm II ‘Die wahre Kunst’ (18 December 1901) [ = Die Berliner Moderne, pp. 571-4]

  • How would you situate Kirchner’s painting in the context of the arguments presented in the Kaiser’s essay?
  • How does the aesthetic form of the painting above compare/contrast with the aesthetic form of the Pergamon Museum to which the Kaiser refers?

 

Wilhelm II: Die wahre Kunst (1901)

 

wilhelm 2

1

[ . . . ] mit Stolz und Freude erfüllt Mich am heutigen Tage der Gedanke, daß Berlin vor der ganzen Welt dasteht mit einer Künstlerschaft, die so Großartiges auszuführen vermag. Es zeigt das, daß die Berliner Bildhauerschule auf einer Höhe steht, wie sie wohl kaum je in der Renaissancezeit schöner hätte sein können. Und Ich denke, jeder von Ihnen wird neidlos zugestehen, daß das werktätige Beispiel von Reinhold Begas und seine Auffassung, beruhend auf der Kenntnis der Antike, vielen von Ihnen ein Führer in der Lösung der großen Aufgabe gewesen ist.

Auch hier könnte man eine Parallele ziehen zwischen den großen Kunstleistungen des Mittelalters und der Italiener, daß der Landesherr und kunstliebende Fürst, der den Künstlern die Aufgaben darbietet, zugleich die Meister gefunden hat, an die sich eine Menge junger Leute angeschlossen haben, so daß sich eine bestimmte Schule daraus entwickelte, die Vortreffliches zu leisten vermochte.

Nun, meine Herren, am heutigen Tage ist auch zu gleicher Zeit in Berlin das Pergamon-Museum eröffnet worden. Auch das betrachte Ich als einen sehr wichtigen Abschnitt unserer Kunstgeschichte und als gutes Omen und glückliches Zusammentreffen. Was in diesen Räumen dem staunenden Beobachter dargeboten wird, das ist eine solche Fülle von Schönheit, wie man sie sich gar nicht herrlicher vereint vorstellen kann.

Wie ist es mit der Kunst überhaupt in der Welt? Sie nimmt ihre Vorbilder, schöpft aus den großen Quellen der Mutter Natur, und diese, die Natur, trotz ihrer großen, scheinbar ungebundenen, grenzenlosen Freiheit, bewegt sich doch nach den ewigen Gesetzen, die der Schöpfer sich selbst gesetzt hat, und die nie ohne Gefahr für die Entwicklung der Welt überschritten oder durchbrochen werden können.

Ebenso ist's in der Kunst; und beim Anblick der herrlichen Überreste aus der alten klassischen Zeit überkommt einen auch wieder dasselbe Gefühl; hier herrscht auch ein ewiges, sich gleich bleibendes Gesetz; das Gesetz der Schönheit und Harmonie, der Ästhetik. Dieses Gesetz ist durch die Alten in einer so überraschenden und überwältigenden Weise, in einer so vollendeten Form zum Ausdruck gebracht worden, daß wir in allen modernen Empfindungen und allem unseren Können stolz darauf sind, wenn gesagt wird bei einer besonders guten Leistung: »Das ist beinahe so gut, wie es vor 1900 Jahren gemacht worden ist.«

Aber beinahe! Unter diesem Eindrucke möchte Ich Ihnen dringend ans Herz legen: noch ist die Bildhauerei zum größten Teile rein geblieben von den sogenannten modernen Richtungen und Strömungen, noch steht sie hoch und hehr da - erhalten Sie sie so, lassen Sie sich nicht durch Menschenurteil und allerlei Windlehre dazu verleiten, diese großen Grundsätze aufzugeben, worauf sie auferbaut ist!

Eine Kunst, die sich über die von Mir bezeichneten Gesetze und Schranken hinwegsetzt, ist keine Kunst mehr, sie ist Fabrikarbeit, ist Gewerbe, und das darf die Kunst nie werden. Mit dem viel mißbrauchten Worte »Freiheit« und unter seiner Flagge verfällt man gar oft in Grenzenlosigkeit, Schrankenlosigkeit, Selbstüberhebung. Wer sich aber von dem Gesetz der Schönheit und dem Gefühl für Ästhetik und Harmonie, die jedes Menschen Brust fühlt, ob er sie auch nicht ausdrücken kann, loslöst und in Gedanken in einer besonderen Richtung, einer bestimmten Lösung mehr technischer Aufgaben die Hauptsache erblickt, der versündigt sich an den Urquellen der Kunst.

Aber noch mehr: Die Kunst soll mithelfen, erzieherisch auf das Volk einzuwirken, sie soll auch den unteren Ständen nach harter Mühe und Arbeit die Möglichkeit geben, sich an den Idealen wiederaufzurichten. Uns, dem deutschen Volke, sind die großen Ideale zu dauernden Gütern geworden, während sie anderen Völkern mehr oder weniger verlorengegangen sind. Es bleibt nur das deutsche Volk übrig, das an erster Stelle berufen ist, diese großen Ideen zu hüten, zu pflegen, fortzusetzen, und zu diesen Idealen gehört, daß wir den arbeitenden, sich abmühenden Klassen die Möglichkeit geben, sich an dem Schönen zu erheben und sich aus ihren sonstigen Gedankenkreisen heraus- und emporzuarbeiten.

Wenn nun die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht, weiter nichts tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke. Die Pflege der Ideale ist zugleich die größte Kulturarbeit, und wenn wir hierin den anderen Völkern ein Muster sein und bleiben wollen, so muß das ganze Volk daran mitarbeiten, und soll die Kultur ihre Aufgabe voll erfüllen, dann muß sie bis in die untersten Schichten des Volkes hindurchgedrungen sein. Das kann sie nur, wenn die Kunst die Hand dazu bietet, wenn sie erhebt, statt daß sie in den Rinnstein niedersteigt.

Ich empfinde es als Landesherr manchmal recht bitter, daß die Kunst in ihren Meistern nicht energisch genug gegen solche Richtungen Front macht. Ich verkenne keinen Augenblick, daß mancher strebsame Charakter unter den Anhängern dieser Richtungen ist, der vielleicht von den besten Absichten erfüllt ist, er befindet sich aber doch auf falschem Wege. Der rechte Künstler bedarf keiner Marktschreierei, keiner Presse, keiner Konnexionen. Ich glaube nicht, daß Ihre großen Vorbilder auf dem Gebiete der Wissenschaft weder im alten Griechenland noch in Italien, noch in der Renaissancezeit je zu einer Reklame, wie sie jetzt durch die Presse vielfach geübt wird, gegriffen haben, um ihre Ideen besonders in den Vordergrund zu rücken. Sie haben gewirkt, wie Gott es ihnen eingab, im übrigen haben sie die Leute reden lassen.

Und so muß auch ein ehrlicher, rechter Künstler handeln. Die Kunst, die zur Reklame heruntersteigt, ist keine Kunst mehr, mag sie hundert- und tausendmal gepriesen werden. Ein Gefühl für das, was häßlich oder schön ist, hat jeder Mensch, mag er noch so einfach sein, und dieses Gefühl weiter im Volke zu pflegen, dazubrauche Ich Sie alle, und daß Sie in der Siegesallee ein Stück solcher Arbeit geleistet haben, dafür danke Ich Ihnen ganz besonders. 




Quelle: Wilhelm II., „Die wahre Kunst“ (18. Dezember 1901), in Ernst Johann, Reden des Kaisers: Ansprachen, Predigten und Trinksprüche Wilhelms II. München, 1996, S. 99-103.

Abgedruckt in Jürgen Schutte and Peter Sprengel, Berliner Moderne 1885-1914. Stuttgart, 1987, S. 571-74.

 

 

2. Contrasting experiences of modernity [ NOT included in programme for 2014]

(a) Karl Henckell ‘Berlin Abendbild’ (1885) [ = Die Berliner Moderne, pp. 257-8]

 

henckell.jpg

 

Berliner Abendbild
Wagen rollen in langen Reih'n,
Magisch leuchtet der blaue Schein.
Bannt mich arabische Zaubermacht?
Tageshelle in dunkler Nacht!
Hastig huschen Gestalten vorbei,
Keine fragt, wer die andre sei,
Keine fragt dich nach Lust und Schmerz,
Keine horcht auf der andern Herz.
Keine sorgt, ob du krank und schwach,
Jede rennt dem Glücke nach,
Jede stürzt ohne Rast und Ruh
Der hinrollenden Kugel zu.
Langsam schlend’r ich im Schwarm allein -
Magisch leuchtet der blaue Schein.
Kaufmann, Werkmann, Student, Soldat,
Bettler in Fetzen, Hure im Staat.
Rechnend drängt sich der Kaufmann hin.
Rechnet des Tages Verlust und Gewinn.
Werkmann bebt vor der Wintersnot:
„Fänd' ich, ach fänd' ich mein täglich Brot!
Hungernd wartet die Kinderschar,
's ist ein böses Jahr, ein böses Jahr."
Bruder Studio zum Freunde spricht:
„Warte, das Mädel entkommt uns nicht!
Siehst du, sie guckt; brillant, famos!
Walter, nun sieh doch - die Taille bloß!"
Steht der Gardist in Positur,
Weil der Hauptmann vorüberfuhr,
Ließ seine Donna im Stich - allein:
„Ja, liebste Rosa, Respekt muß sein."
„Blumen, Blumen, o kauf ein Bouquet,
Rosen und Veilchen, duftend und nett!
Bitte, mein Herr, ach so sei'n Sie so gut!"
„Scher dich zum Teufel, du Gassenbrut!
Retzow, auf Ehre, wahrer Skandal."
„Unter Kam'raden ganz egal."
„Sehen Sie, bitte! Grandiose Figur,
Wirklich charmant, merveilleuse Frisur."
„Echt garantiert? Doch das macht nichts aus.
Hm! Begleiten wir sie zu Haus?"
„Neuestes Extrablatt! Schwurgericht!"
Hei, das drängt sich neugierig dicht.
„So ein Schwindler, ein frecher Hund,
Schlägt erst tot und leugnet es rund."
Wie das rasselt, summt und braust!
Wie es mir vor den Ohren saust!
Jahrmarkt des Lebens, so groß - so klein!
Magisch leuchtet der blaue Schein.

 

  • what kind of image of Berlin does the poem convey?
  • comment on the contrast between the observer and what is being observed
  • comment on the different social spheres covered in the poem
  • what sort of contrasts does the poem set up?
  • comment on the aesthetic devices deployed in the poem (especially towards the end)

 

 

(b) Bruno Wille ‘Entzauberung’ (1908) [ = Die Berliner Moderne, pp. 287-89]

bruno_wille.jpg

Entzauberung

Dort drüben liegt sie/ riesenbreit erstreckt
Und vielgezackt zum Wolkengrau gereckt:
Die steinern fahle Stadt/ von hunderttausend
Tagwerken murrend und erbrausend.
Ein Dunst umhüllt die Dächer, rußig, bleiern:
Der Schlote Ausgeburt/ die noch nicht feiern.
Und doch schon murmeln von der Vesperstunde
Die düstern Türme mit dem Glockenmunde.
Wie dort der Häuserwall, der Vorstadt-Rumpf,
Aus fünfgezeilten Fenstern stumpf
Herüberstarrt zum braunen Ackergrund,
Wo, schmutzigrot die Mauern,
Zwei qualmende Fabriken kauern.
Horch, die Maschine heult das Vesperzeichen.
Da rinnt aus dem Fabrikentor
Ein langer Zug von Arbeitsvolk
Den Ackerweg dahin, zur Stadt.
Und sieh, die Häuserstirnen rötet matt
Der Abendwolken Widerschein.
Auf einmal quillt der Feuerball herein
Aus einem Wolkenriß und überflutet
Die Landschaft, daß sie golden glutet.
O Zaubertat! Die Stadt mit ihrem Dunst
Liegt nun verklärt, von Purpurduft umflossen:
Ein Hügel, drum in ungestümer Brunst,
Aus grauem Dorn, blutrote Rosen sprossen.
Und sieh nur, wie die Scheibenzeilen strahlen,
Mit rotem Blitz das Sonnenfeuer malen!
Wie alle Häuser, alle Fensteraugen,
Mit heißem Durst die Purpurquelle saugen
Und saugend immer lichter sich verklären/
Als ob sie fluchbeladne Schlösser wären,
Die für ein karges Weilchen von der bösen
Verwünschung sich erlösen.
Und sie betrachtend voller Staunen,
Hör ich die Häuser gramvoll raunen:
»Verwunschene Schlösser, verfluchte Mauern,
Ach wohl, das sind wir! Müssen ja trauern
In düstrer Öde jahraus jahrein,
Hilfloses Grauen im lahmen Gebein.
Durch Kerkerräume Gespenster poltern,
Viel arme Menschenseelen zu foltern,
Mit teuflischen Zangen, mit Dürsten und Fasten,
Mit knechtischen Ketten, unmenschlichen Lasten.
Auf faulem Stroh die Armut kauert,
Verzehrt von Fieber und frostdurchschauert;
Das Auge irrt,
Es ringen die Hände.
Doch fledermausig
Die Sorge schwirrt
Um unsere grausig
Verdammten Wände ...
Fluch und kein Ende!
Nur manchmal naht die Gnadenstunde,
Wo die purpurne Sonne mit küssendem Munde
Die Stirn uns rührt und an jenen gemahnt,
Den unsere Seele erschauernd ahnt:
Den Strahlenbräutigam wundervoll,
Den starken Helden, der kommen soll,
Aus gespenstischer Not, aus Nacht und Ketten
Auf ewig uns zum Lichte zu retten.«
So klagten die Verfluchten. Und der Scheiben Rot
Ward düster und erstarb in matten Funken.
In Stumpfheit lag die Stadt zurückgesunken:
Ein Schlackenhaufen,
Schwarz/ und kalt/ und tot.
  • what kind of image of the city does the poem convey?
  • what kinds of milieu does the poem focus on in particular?
  • how do the aesthetic devices in this poem contrast to those used in ‘Berlin Abendbild’?
  • is it possible to read this poem as a political document? If so – how?; if not – why not?

How would you relate the ideas of the poems to the painting Eisenwalzerk by Adolf Menzel of 1872-4 and to this photograph of an actual steelworks taken around 1910?

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3. The new topography of urban life

(a) Walther Rathenau ‘Die schönste Stadt der Welt’ (1899) [ = Die Berliner Moderne, pp. 257-8]

[Extract]

Dass Berlin der Parvenu der Großstädte und die Großstadt der Parvenus ist, dessen brauchen wir uns nicht zu schämen, denn Parvenu heißt auf deutsch: self made man. Natürlich haben wir keine Tischzeit und keinen Korso, kein Villenviertel und keine City. Kommst du am Sonntagnachmittag in die Geschäftsviertel von London und New York, so ergreift dich der Schauder einer ausgestorbenen Stadt: Straßenweit kein Mensch zu blicken und die Hauskatzen laufen über den Fahrweg. In Berlin wohnt man in der Jerusalemerstraße und macht Geschäfte auf dem Kurfürstendamm. Equipagen rollen, wenn die Börse gut steht, und die ältesten Paläste reichen zurück in die Gründerzeit. Genaugenommen, ist die Großstadt Berlin gar nicht vorhanden. Was uns den Namen gibt, ist die Fabrikstadt, die im Westen niemand kennt, und die vielleicht die größte der Welt ist. Nach Norden, Süden und Osten streckt die Arbeiterstadt ihre schwarzen Polypenarme; sie umklammert das schmächtige Westviertel mit Eisensehnen, und wer weiß, was dereinst ... Nein, davon will ich heute nicht sprechen. […]

Rathenau text

  • what section of society might Walther Rathenau be said to represent?
  • who is being evoked in the essay’s title?
  • how does Rathenau view the development of Berlin in comparison with other European cities?
  • what does Rathenau have to say on the relationship between urban topography and mental life (cf. Georg Simmel’s essay ‘Die Großstädte und das Geistesleben’, pp.124-30)

(b) Leo Colze ‘Berliner Warenhäuser’ (1908) [ = Die Berliner Moderne, pp. 104-110]

Es gibt vier Herrscher Berlins, ungekrönte Kaiser, deren gestrenges Regiment nichtsdestoweniger aber allenthalben anerkannt wird und deren Regierungserlasse und Aufrufe an das Volk nur im besten Sinne zu Diskussionen Anlaß geben. Diese ungekrönten Herren sind die Warenhäuser, sind Wertheim, Tietz, Jandorf und seit Jahresfrist etwa das Kaufhaus des Westens. Mit der Entwicklung Berlins zur Großstadt, zur internationalen Weltstadt, ist auch die Entstehung moderner Geschäftspaläste eng verknüpft. Der unparteiische, von keinerlei politischem Beiwerk beeinflußte Beobachter wird ohne weiteres zugestehen müssen, daß die Warenhäuser es gewesen sind, die auf kaufmännischem Gebiete den fortschrittlichen Stein ins Rollen gebracht haben. Wenn heute in den großen Verkehrsadern der Reichshauptstadt Geschäftspalast sich an Geschäftspalast reiht, wenn lichtdurchflutete Schaufenster mit den hervorragendsten Erzeugnissen sämtlicher Industrien der Kulturvölker nicht nur zum Kauf anreizen, sondern auch rein zu unserem ästhetischen Sinn sprechen, wenn heute auch der kleine Mann in der Lage ist, sich für Preise in den Besitz von Luxusartikeln zu setzen, für die er sonst kaum brauchbare Bedarfsmasse erhielt, so ist dies einzig und allein das Verdienst des modernen Warenhausorganismus.

Das Berliner Warenhaus nun ist ein Typ, der vorbildlich geworden ist nicht nur für deutsche Verhältnisse, sondern insgesamt für die Handelskreise der Alten und Neuen Welt. Es soll hier natürlich nicht von den »auch - Warenhäusern« die Rede sein, die infolge ihrer minderwertigen Waren, ihrer kleinen Lokalitäten, schlechten Bedienung und billig scheinen wollenden Pfennigauszeichnung nur das Warenhauswesen selbst diskreditieren, sondern von dem modernen Warenhausorganismus, dessen edelster Vertreter sich uns, alle Vorzüge, alle Lehren Amerikas und Deutschlands in sich vereinigend, im Kaufhaus des Westens präsentiert.

Ich werde deshalb auch des öfteren Gelegenheit nehmen, als Musterbeispiel gerade auf dieses modernste aller Warenhäuser zurückzugreifen, weil es der geklärteste Organismus ist, den der moderne Geschäftsbetrieb zur Zeit besitzt.

Wenn ich vorhin vom Berliner Warenhaus sprach, so meine ich das Warenhaus rein als selbständiges Individuum, ohne Beziehungen zur kaufkräftigen Bevölkerung Berlins, und diese beiden Wesensverschiedenheiten werden noch des öfteren in meinen Ausführungen zu beachten sein. Nach der letzten Richtung hin haben wir drei Regierungsbezirke der ungekrönten Herrscher streng zu scheiden.

Da ist die Firma A. Jandorf & Co. mit ihren Geschäften an den Zentren eines überaus regen Verkehrs der Arbeiterbevölkerung. Das Warenhaus des kleinen Mannes.

Die Geschäftshäuser der Firma Hermann Tietz – zur Befriedigung des Bedarfes für den Mittelstand, ebenso wie die Geschäfte der Firma A. Wertheim, mit Ausschluß ihres Hauses in der Leipzigerstraße, das ein reines Luxuswarenhaus ist, und neben dem modernen Kaufhause des Westens, im neuen Berlin W. gelegen, für die kaufkräftigsten Kreise Berlin Ws. bestimmt ist.

Eine Straßenwanderung, eine Lokalinspektion mag uns von der Richtigkeit des Gesagten überzeugen.

Ich habe einmal irgendwo eine Karikatur gesehen, das moderne Warenhaus als Ventilator, in dessen weitgeöffneten Rachen groß und klein, alt und jung, Männlein und Weiblein verschwand, dessen Saugkraft alle in sich hineinzog. Das Bild hatte viel Überzeugendes, auch nach der edlen Seite hin. Ich will hier nicht die Vorteile und Schattenseiten der Warenhausidee gegeneinander abwägen, ich schreibe weder eine nationalökonomische Abhandlung noch eine wirtschaftspolitische Polemik, möchte aber nicht unerwähnt lassen, daß meines Erachtens nach die Großwarenhäuser Berlins ein gut Teil mitbestimmend auf die Entwicklung der Spreemetropole zur Weltstadt gewirkt haben.

Überall da, wo Warenhauspaläste entstanden, begann sich bald in naturgemäßer Folge ein überaus reger Verkehr zu entwickeln. In weiser Erkenntnis dieses zunehmenden Geschäftsverkehrs siedelten sich, die alte Ammenmär von der naturgeborenen Zerstörungskraft des Warenhauses auf das Spezialgeschäft Lügen strafend, Spezialgeschäfte der verschiedensten Branchen an, ihre Fassaden modern ausbauend, in Form und Inhalt das Beste vom Warenhause auf ihren Betrieb übertragend.

Ein Exemplum aus allerletzter Zeit. Die Tauenzien- und Kleiststraße im Westen Berlins, ein Boulevard für flirtende Backfischlein, Tummelplatz von Kinderwagen schiebenden Spreewälderinnen und Bonnen, noch vor wenigen Jahren eine vornehme Wohnstraße im eleganten Westen.

Ein Häuserkomplex wurde aufgekauft, kaum entstandene Wohnpaläste fielen der Spitzhacke zum Opfer, und nach kurzer Zeit begann auf dem großen Terrain das Kaufhaus des Westens zu erstehen. Von diesem Zeitpunkt ab datiert die Umwandlung der ganzen Gegend, die mit Riesenschritten vor sich ging. Ein Frühsommernachmittag. Es ist dunkel geworden und, vom Bahnhof Zoologischer Garten kommend, oben noch hinter der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, schreiten wir über den Auguste-Viktoria-Platz auf den Mittelpromenadenweg der breiten Tauenzienstraße. Lichtfülle strömt uns entgegen. Rechts und links ein Schaufenster am anderen, belagert von männlicher und weiblicher Eleganz. Ein geputzter Menschenstrom zieht die Straße entlang, lachend und flirtend, lebensfroh, zeithabend, Spaziergänger, Müßige. Weiter oben am Wittenbergplatz märchenhafte Lichtfülle, glitzernde Kostbarkeiten, Seidenstoffe, Goldbrokate, Bronzen, Straußenfedern, die Schaufenster gleich Schmuckkästen; das neue Kaufhaus. Dicht und unaufhörlich strömt man hinein, der Herrscher ruft – sie folgen gern.

Die neue Leipzigerstraße möchte ich die Tauenzienstraße nennen. Die Leipzigerstraße der Flaneure. Weiter oben im alten Westen, am Potsdamerplatz, beherrscht von Wertheim, Tietz und Jandorf, die Leipzigerstraße der Arbeit. Dort eilender, hastiger Menschenstrom, nur wenig untermischt mit Müßiggängern, hier an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – Genießer, Jugend, Berlin WW.

Jede Großstadt nimmt eben eine ihrem Charakter und ihrer Individualität entsprechende mehr oder weniger schnelle Entwicklung. Berlin, die jüngste der europäischen Weltstädte, hat ein so rapides Wachstum durchgemacht, daß selbst aufmerksamen Beobachtern manche Symptome und Momente entgangen sind, die gerade als ein für das Aufblühen Berlins besonders markantes Zeichen zu gelten haben. Die Entwicklung des Berliner Westens ist z. B. eines dieser Probleme; Bei der gewaltigen Expansion, die unsere Spreemetropole vom Zentrum aus genommen hat, wird sich mancher Geschäftsmann unwillkürlich kopfschüttelnd gefragt haben, wie diesem Wachstum Rechnung getragen werden könne. Die Tatsache nun, daß im Westen ein neues weltstädtisches Zentrum in Bildung begriffen ist, wird wohl kaum noch geleugnet werden. Es wird kein Ausläufer werden, in dem sich das Hasten und Treiben des alten Berlin mehr oder weniger stark widerspiegelt, sondern ein durchaus unabhängiges, elegantes, vornehmes, nicht minder geschäftiges Berlin entsteht hier, mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als gegebenem Mittelpunkt, und schafft sich hier in größerem Stile, durch keine Platzfrage beengt, neue Möglichkeiten zur Befriedigung seiner Bedürfnisse. Wer die Entwicklung Berlins während der letzten Jahre aufmerksam verfolgt hat, die geschäftliche Erschließung der oberen Leipzigerstraße miterlebte, wird sich klar darüber sein, daß Berliner Leben und Berliner Verkehr immer mehr nach Westen gravitieren. Speziell der Teil, die Straßenzüge, die von der »Romanischen Ecke« ausgehen, waren ihrer Anlage und ihrer Bauart nach berufen, Großstadt und Eleganz harmonisch zu verbinden, und dem Westen Berlins ein besonderes Cachet zu geben. Schon heute ist die Tauenzienstraße eine moderne Geschäftsstraße, die in nichts der Leipzigerstraße nachstehen wird, sobald erst alle Pläne, die in ihrem Zuge gemacht worden sind, verwirklicht sein werden. Mehr und mehr wird sie aus der vornehmen Wohnstraße, in der nicht wenige unserer Finanz-, Geistes- und Kunstgrößen ihre Tuskula aufgeschlagen, zur Verkehrsader dieses Westens. Kaum gebaute Häuser fallen der Spitzhacke zum Opfer, um Warenpalästen Platz zu machen. Läden werden eingebaut, und die großen Firmen des alten Westens errichten in weiser Erkenntnis der Entwicklungsfähigkeit dieses Stadtteiles Filialen; die ruhigen Wohnpaläste werden im unteren Teile Handelsstätten und Bazare; mit einem Schlage ist die Physiognomie des ganzen Straßenzuges verändert. Nicht zum wenigsten hat der gewaltige Bau des Kaufhauses des Westens am Wittenbergplatze dazu beigetragen, der ganzen Gegend ein anderes Gesicht zu geben.

Kleine Geschäftsleute und Firmen, die sich zu schwach fühlen und nicht Großzügigkeit genug besitzen, um neben dem Kaufhause sich entwickeln zu können, haben die Gegend verlassen. Neue weltstädtische Firmen sind an ihre Stelle getreten, nicht zum Schaden des dortigen Publikums, das gerade in dieser Beziehung Ansprüche zu stellen gewöhnt und berechtigt ist. Hier weht Weltstadtluft. Zahlreiche Amerikaner, Engländer, Franzosen, Italiener, ja selbst Asiaten haben sich hier niedergelassen und bevölkern die eleganten, teilweise ganz englisch oder amerikanisch eingerichteten Boardinghouses und Pensionen. Theater werden gebaut. Alle Plätze bekommen Merkmale, die Ecksteine des Aufblühens ihrer Umgebung sind. 





 

Quelle: Leo Colze, Berliner Warenhäuser. Leipzig und Berlin, 1908, S. 9-13.

Abgedruckt in Jürgen Schutte und Peter Sprengel, Hg., Die Berliner Moderne 1885-1914. Stuttgart, 1987, S. 104-10.

  • what is the place of these ‘moderne Geschäftspaläste’ in the political and urban landscape?
  • How can the ideas in this essay be related to the images of the Wertheim Kaufhaus at Leipziger Platz (below)
  • can one discern a political agenda in this text?
  • to what extent – and in what ways – do the new ‘Warenhäuser’ impact upon the social structures of Berlin in this period?
  • how do the ideas in this essay relate to the images of the Wertheim Kaufhaus below?

 berlin_kaufhaus_wertheim_1900.jpg kaufhaus_wertheim_leipziger_platz_1920er_jahre.jpg

 

 

4. Wohnkultur and Alltag

Compare and contrast the following two texts

(a) Victor Noack ‘Wohnung und Sittlichkeit’ [ = Die Berliner Moderne, pp. 141-7]

Noack text

  • how is the term ‘Sittlichkeit’ to be understood?
  • why is it in this milieu that ‘Das Individuum zeigt sein wahres Gesicht’?
  • what is the relationship between ethics/morality and the social environment?
  • summarise the import of the statistical information

(b) Alfred Wolfenstein ‘Krankes Wohnen’ [ = Die Berliner Moderne, pp. 334-5]


KRANKES WOHNEN

Dieses Gehn im trüben Tunnel der Straße...
Bleiche Fenster spielen an mir vorbei.
Oben des kleinen Himmels Einerlei
Wirft in die Scheiben ein schiefes Lachen.

Trocken kreischt die hündsisch liegende Straße,
Die mein Fuß in Unruh und Haß gebraucht.
Niedre Luft, von Stadtgerüchen gebraucht,
Speit auf meine Stirn aus pfeifenden Rachen.

Gähndend endet die Straße.
Und die zuckenden Lippen atmen ins Freie hinaus,
Wo sich warm der Tiefe Grün und goldene Hoheit umfängt...!

Doch ich werde mich wenden.... dumpft gedrängt...
In der Gewalt der Häuser bin ich zu Haus.

  • what sort of impression of Berlin does the text convey?
  • comment on the imagery used in the text

How would you relate the ideas in these essays/texts to the images of the Berliner Mietskaserne below?

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5. Gender and social class

Compare and contrast the following texts in the light of what they have to say about both gender relations and the class structure in Berlin around 1900. How are gender and class inter-related? You might want to reflect on the different aethetic approaches used.

(a) Helene Stöcker ‘Die moderne Frau’ (1893) [ = Die Berliner Moderne, pp. 152-158]

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Was Sie auch sagen mögen, ich weiß es ganz genau –: die moderne Frau ist etwas, das noch nicht in dieses Jahrhundert hineingehört – für die es noch keinen Namen und – keinen Mann gibt, keine Stellung in der Gesellschaft; denn ihrem ganzen, innersten Wesen nach gehört sie in ein Zeitalter der Zukunft – kurz, sie hat sich auf jeden Fall verfrüht.

Ich meine eine ganz bestimmte Spezies, die ich auch bei Frau Marholm* – (und Frau Marholm ist fast der einzige moderne Mensch, der etwas davon weiß) nicht gefunden habe. Es ist weder »la détraquée« – es ist auch nicht ganz »la grande Amoureuse«, obwohl sie der vielleicht am nächsten käme – und mit der Cérébrale hat sie eben nur die Intelligenz gemein. Es ist auch nicht das »unverbildete Mädchen aus den arbeitenden Klassen«, für die man zuweilen schwärmt – es ist – ja, der Name ist schwer zu finden – die moderne Frau – meist unverheiratet – die sich nach Stuart Mill und Bebel auch noch mit Nietzsche und Frau Marholm beschäftigt hat, die John Henry Mackays Individualismus teilt, nachdem sie eine Zeitlang in Gefahr war, zur sozialistischen Partei zu schwören – und die – eine andere »Magda«** – nur mit mehr Ernst und Tiefe – hinausgeht aus dem schützenden Vaterhaus, um sich die pekuniäre Unabhängigkeit zu erringen – die erste Vorbedingung zu jeder Art von Freiheit. Das, was sie von Frau Marholms so fein geschiedenen Typen noch trennt, ist ihr stark bewußtes Individualitätsgefühl und der durchaus nicht zwiespältige Zug ihrer Seele, der nach beidem verlangt, – was Stuart Mill einerseits und Frau Marholm andererseits ihr zugestehen wollen: ihr Recht auf Freiheit und ihr Recht auf Liebe!

Sie denkt nicht, dem Manne absolut »gleich« zu werden – aber sie will ein glücklicher – und das bedeutet auch für sie: ein freier Mensch werden und sich zugleich in ihrer Weibart immer höher entwickeln. Sie beklagt es längst nicht mehr – wie sie das als Kind vielleicht getan –, daß sie kein Mann ist; im Gegenteil, sie ist bereits zu einem wohligen Gefühl ihrer Weib-Vorzüge gekommen. Dazu das Bewußtsein ihres Selbstmenschentums – ihr Zukunftsgefühl, da sie noch etwas Seltenes, Alleinstehendes ist, das in keine der Kategorien mehr paßt, das noch ganz die Wonne des Individuums empfinden darf. Und endlich die große Sicherheit dem Manne gegenüber: sie steht ihm nicht als Verächterin oder Rächerin gegenüber, sondern mit hellen, offenen Augen und wachem Herzen. Sie ist eigentlich geboren, zu lieben mit allen Fibern ihres Wesens, mit Geist, Herz und Sinnen – mit allen Nerven – denn sie ist im edlen Sinne – wie Mantegazza sagt – viel geschlechtsbedürftiger als der Mann. Aber da der Mann, den sie brauchen könnte, noch nicht geboren ist – wenigstens hat er sich ihr nie auf irgendeine Weise verraten –, schenkt sie ihren Reichtum andern: sie betet die mütterliche Freundin an, die dem temperamentvollen Kinde zuerst einen Schimmer von Verständnis gezeigt – sie umfängt mit aller Glut erster noch unklarer Leidenschaft irgendein holdes, junges Geschöpf, das ihr dafür – halb geschmeichelt, halb verwirrt, die heiß ersehnte Freundschaft schenkt. Sie erzieht ihre Geschwister, ihr ähnlich in Temperament und Intelligenz, mit mehr als mütterlichem Stolz: sie sieht in ihnen ja die mit ihr streitende, weltüberwindende Zukunft – und endlich lebt sie in innigster Gemeinschaft mit gleichfühlenden, gleichstrebenden Genossinnen.

So ist es ihr möglich geworden, trotz der längst grausam klaren Erkenntnis: »Lieben muß ich, da ich lebe« durch die allererste, leidenschaftliche Jugendzeit durchzukommen – ohne der Gefahr zu erliegen, in ihrem starken Liebesbedürfnis sich an irgendeinen Mann wegzugeben, der doch nie »ihr« Mann sein kann. Aber nun sie frei und unabhängig mitten im Herzen der Weltstadt lebt – nun ihr das, was sie glühend begehrte: Leben im Verkehr mit geistig ebenbürtigen Menschen – in reichem Maße zuteil geworden – nun hat sie eine merkwürdige Erfahrung gemacht. Bisher hat sie immer die Frau im allgemeinen für das konservative Element gehalten – aber nun muß sie lernen, daß der Mann in bezug auf die Frau noch viel konservativer ist, daß er in Hirn und Nerven nicht nur die Tradition seiner Großeltern, sondern seiner Urgroßeltern hat, und daß selbst die »Neuen, Freien« von der Frau nur die Dirne und die Hausfrau im ältesten, spießbürgerlichsten Sinne kennen – und darum ein etwas – hm – verdutztes Gesicht machen, wenn sie ernsthaft mit ihnen über die Kreutzersonate reden will. Sie hat die ernüchternde Erfahrung gemacht, daß das Moderne, Zukunftsfrohe den Frauen gegenüber noch graueste Theorie ist, und daß auch die Allermodernsten in der Praxis die ärgsten Philister sind, die ihre eigenen Ideen nicht ernst nehmen.

Sie stellt freilich auch eine Forderung, die bis dahin noch nie gestellt worden: Sie läßt sich nicht mehr die Beleidigungen des Ballsaals gefallen, und sie will auch nicht als Mannweib betrachtet werden – ja, sie ist ein anspruchsvolles Geschöpf! Ein Weib will sie sein – Liebe nehmen und Liebe geben und doch nicht mehr in ehrfürchtigem Schweigen lauschen, wenn kluge Männer sprechen?! Nein, nein, für solch ein Geschöpf ist überhaupt noch keine Formel gefunden – – und doch – ich weiß es ganz genau: Alles Heil, das eine sehnsüchtig harrende Zeit von einem zukünftigen Erlöser erwartet, muß vom Weib ausgehen – dem Weib, das sich allen Männern zum Trotz – aus eigner Kraft zu einem Menschen durchgerungen!

Aber so wenig selbst der moderne Mann schon fähig ist, dies Weib zu begreifen – so wenig er es also zu seiner Gefährtin macht –, so wenig ergibt sich das moderne Weib dem Manne. Nicht aus Askese oder aus Unlust an ihm – aus einem vielmehr äußerlichen Grunde: Was alles – in unsern unpraktisch zurückgebliebenen häuslichen und ökonomischen Verhältnissen – auf sie wartet, das genügt, ihre Augen einstweilen noch offenzuhalten: hinter der großen Seligkeit die Küche und die Kinderstube (nicht als ob sie ihre Kinder einmal nicht lieben würde), aber aus dem freien Menschen wird ein Lasttier mit unglaublich raffinierten Verpflichtungen – und sie dürstet nach der Freiheit ebenso wie nach der Liebe – erst beide vereint vermögen ihr die Harmonie des freien Menschentums zu bringen. So hat sie denn die nötige Kritik, um sich nicht durch ihre jungen, heißen Sinne überrumpeln zu lassen und vielleicht nach kurzem Rausch sich und andere elend zu machen –, obwohl sie es nur zu gut weiß: Das Beste vom Leben kann nur in der innigsten Gemeinschaft zweier freier Menschen – zwischen Mann und Weib erblühen – ohne Frage, ohne Zweifel! Es begegnet ihr oft, wenn sie irgendwo davon redet, daß man ehrlicher, offener, natürlicher werden solle, daß man vor allem endlich das Weib lehre, sich bewußt als Weib zu fühlen – daß man sie dort mitleidig erstaunt, zweideutig lächelnd ansieht: »Wie unschuldig Sie sein müssen!«

So hält sie denn sich selber fest als das große Glück, nach dem sie rastlos gejagt und das sie endlich – so über Erwarten – gefunden. Sie weiß es jetzt, daß jeder, der frei werden will, es nur durch sich selber werden kann. Sie hält, was sie hat, daß niemand ihre Krone nehme: Vernunft und Kunst und Wissenschaft – des Menschen allerhöchste Kraft! Ihr Ziel ist: ein Mensch zu sein, dem nichts Menschliches fremd ist! Aber sie hofft auch auf die kommende Zeit, da aus ihrer Gemeinschaft mit einem Manne eine Ehe werden kann! – – 





Quelle: Helene Stöcker, „Die moderne Frau“, Freie Bühne, Jg. 4 (1893), S. 1215-17.

Abgedruckt in Jürgen Schutte und Peter Sprengel, Berliner Moderne 1885-1914. Stuttgart, 1987, S. 152-58.

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(b) Berlinerinnen (Fritz Engel, pub. 1921)

 

BERLINERINNEN

Welche wohnen am Wannseestrand
Und steuern den Wagen mit eigener Hand,
Finden es aber so trostlos! dort
Und reisen heute und morgen fort.
Im Januar: Pyramiden,
Im Februar nach Cannes,
Und baden, schlanke Sylphiden,
Im August zu Biarritz dann.
Im September ist es Venedig
Wohin es sie stürmisch zieht —
Sie sind getraut oder ledig,
Das ist kein Unterschied.
Sie leben gerne gemeinsam
Und lassen das Männchen dann stehen
Und klagen: "Seelisch einsam
Muß man durch's Leben gehn..."
 
Welche wohnen in Berlin Nordost.
Die Sonne glüht, wild fegt der Frost.
Die gehen und gehen in die Fabrik
Und Sonntags Rummelplatzmusik.
Oder sie stehen, von Gören umschrillt:
"Mutter, mir hungert!" am Scheuerfaß
Und sehen ihr eigenes Spiegelbild
Nur in dem grauen seifigen Naß.
Oder — es gibt auch die andern,
Laßt sie das Viertel nächtlich umwandern.
Und alle haben sie so oder so,
Öffentlich oder incognito,
Ein männliches Individuum.
Gleichviel er macht sie auf Stunden froh
Und haut sie nachher krumm...

 

  • what sort of impression of Berlin life does the poem offer?
  • the poem refers to a number of specific areas of Berlin (Wannsee, Pamkow, Wedding): how would you place these areas in a socio-economic topography of Berlin?
  • comment on the way in which the poem works with the concept of division: what sort of divisions does it present?
  • comment on the structure of the poem – and in particular the shift of focus in stanzas 1 and 2.

 

How would you relate the ideas discussed in these texts to the images of women by Ernst Ludwig Kirchner (below)?

  • what do these paintings suggest about attitudes towards gender and sexuality in Berlin at the time they were painted?
  • comment on the perspective from which the women are represented

 

( Ernst Ludwig Kirchner ‘Potsdamer Platz’ (1914, left) and ‘Rote Kokette’ (1914, right)

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