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Öffentliche Räume

 

„Social Sites – Öffentliche Räume – Lieux d’échanges 1300-1800“

 

 

Ein Academic Network von Historikern

der Universitäten Dresden, Paris I und Warwick

 

 

Neben der Zeit ist der Raum eine zweite Grundkategorie, mit der Historiker ganz selbstverständlich umgehen, in beiden Fällen allerdings nicht immer bewusst und reflektiert. Der räumliche Bezug erscheint in der europäischen Geschichtsschreibung in sehr unterschiedlichen, durch die historische Ausbildung der Disziplinen oder ideologische Orientierung geprägten Kontexten. Gegenüber essentialistischen Konzepten, die in der deutschen Landesgeschichte, in der französischen Vorstellung von pays historiques oder in der Debatte um die englische county community präsent waren (und sind), konnten sich analytische Bezüge auf den Raum – regionaler Zugriff, experimentelles Arbeiten mit dem effet d’échelle, konsequente Auffassung des Raums als social space u.a.m. – nur schwer behaupten.

In jüngerer Zeit ist allerdings in den Sozial- und Kulturwissenschaften die Rede von einem spatial turn. Raumzentrierte Forschungen werden auf verschiedenen Ebenen intensiviert. Ob es dabei um die Verknüpfung zwischen Makroebene, einem regionalen und handlungsorientierten Zugriff in der Handels- oder Kaufmannsgeschichte geht; ob es sich um Untersuchungen zu Mikroräumen wie dem Haus, der Taverne oder dem Kirchenraum handelt; oder ob virtuelle bzw. imaginäre Räume (etwa im Jenseits) im Mittelpunkt stehen; stets wird die soziale Konstruktion dieser Räume betont. Es geht um die Wahrnehmung von und die soziale Praxis in den betrachteten Räumen. Die Kritik an der Vorstellung des Raums als „Behältnis“ und das Plädoyer für einen analytischen Raumbegriff in der Geschichtswissenschaft konvergiert mit neueren sozialwissenschaftlichen Konzeptionen des Raumes, die ebenfalls Abschied von den absoluten Raumvorstellungen nehmen und mit einem relativistischen Raumbegriff arbeiten. An diese Ansätze möchten wir anknüpfen.

Das internationale Academic Network „Social sites – Öffentliche Räume – Lieux d’échanges“ nähert sich diesem Forschungsfeld in drei Workshops:

 

Workshop I: Political Space in Preindustrial Europe (Warwick 2005)

Workshop II: Religious Space in Preindustrial Europe (Dresden 2006)

Workshop III: Economic Space in Preindustrial Europe (Paris 2007)

 

Die thematischen Vorgaben sollen Schwerpunkte setzen, aber keineswegs scharfe Grenzen zwischen diesen Dimensionen ziehen. Alle drei Workshops sollen in einem doppelten Sinn die Historisierung der Vorstellungen und der sozialen Konstruktion von Raum vorantreiben. Einmal geht es darum, analytische Raumkonzepte, die gegenwärtig in verschiedenen Disziplinen angewandt werden, zu explizieren und/oder exemplarisch in der historischen Analyse anzuwenden und auf ihre Triftigkeit zu untersuchen. Welche Rolle spielen Raumkonzeptionen z.B. in der Soziologie oder der historischen Geographie, und wie wird mit Hilfe von Raumvorstellungen Wissen (an)geordnet? Zum anderen soll der Versuch unternommen werden, historische Raumkonzepte und die Konstruktion sozialer Räume durch die jeweiligen Zeitgenossen herauszuarbeiten: Welche – expliziten oder impliziten – Vorstellungen von Raum finden sich in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen gelehrten Diskussionen, etwa in Theologie, politischer Theorie, Ökonomik, Optik, Geometrie und Städtebau? In welchem Rahmen brachten die new sciences eine Veränderung der Raumvorstellungen mit sich und wie wirkte sich das auf die genannten Bereiche gelehrter Diskussionen aus? Welche Raumvorstellungen lassen sich aus der sozialen Praxis der historischen Akteure herausfiltern? Es soll allerdings nicht nur nach Raumvorstellungen, also nach den Abstraktionsleistungen der Zeitgenossen, gefragt werden, sondern ebenfalls danach, auf welche Weise soziale Praktiken die Konstruktion von Räumen bewirkten oder beeinflussten.

Geographisch liegt das Hauptaugenmerk auf Europa und seinen unmittelbaren Nachbargebieten. Der zeitliche Rahmen der Untersuchungen erstreckt sich vom Spätmittelalter bis zum Anbruch der Moderne.